Klabunds Roman "Pjotr" liefert ein sehr frei gestaltetes, fiktionales Porträt des russischen Zaren Peter I, der Große (1672–1725). Der Roman erschien seit der Erstausgabe 1923 in zahlreichen Ausgaben und war ein Bestseller der Weimarer Republik. Besonders erfolgreich war er als Band 403 der "Insel-Bücherei".
Pjotr ist geboren.
Don, Dnjepr, Wolga, Oka treten über ihre Ufer.
Schlam wälzt sich über die Weizenfelder und viele Menschen ertrinken.
Winterblumen neigen gebrochen ihre Häupter.
Die Haselmäuser pfeifen vor Angst. Der Wind nimmt ihre Pfiffe und bläst sie mit dicken Backen zu Posaunentönen auf, bis sie kreischend zerplatzen.
Die Bäume weinen Harz.
Auf tanzenden Eisschollen segeln erfrorene Schwäne. Ihre grünen Augen glänzen wie Smaragde.
Frösche treiben, die bläulichen Bäuche nach oben. Ihre Leiber sind durchbohrt von wasserkäfern, die vollgefressen tot in den Löchern nisten: die braunen Rückenschalen weiß glasiert.
Es hat roten Schnee geschneit.
Auf der Waldai blüht mitten im Winter der Fingerhut.
[…]
Ein Ruel Wölfe heult nachts vor den Fenstern des Palastes Preobraschensk.
Die Diener bekreuzen sich.
Sie wispern:
Ein Wolfskind ist geboren, ein Wolfssohn. Die Brüder eilen, ihn zu begrüßen.
Eine alte Wölfin gelangt bis ind en Hof und jault hungrig nach den Fenstern des ersten Stocks hinauf. Natalia Naryschkina, die Zarenmutter, erwacht davon aus dem Schlaf. Sie hält den Atem an und lauscht.
Niemand wagt, die alte Wölfin zu töten.
[…]
Die Sonne tritt aus den Wolken, besieht sich ihr neues Söhnchen, besieht sich Pjotr.
Die Glieder verkrüppelt, die Augen verschmiert, die kleinen Fäsute vor dem zerknitterten Greisengesicht geballt, liegt Pjotr in der Wiege und winselt wie ein junger Wolf. Er winselt, er weint, weil er geboren ist.
[…]
(aus: Pjotr)
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