Zu Amsterdam bin ich geboren
Zu Amsterdam bin ich geboren,
Meine Mutter war ein Mädchen ums Geld.
Mein Vater hat ihr die Ehe geschworen,
War aber weit gefehlt.
In einer dunkeln Gasse
Sah ich zum erstenmal das Sonnenlicht.
Ich wollte es mit meinen Händen fassen,
Und konnt es aber nicht.
Ein junger Mann kam eines Tages
Und küßte mich und rief mich seinen Schatz.
Sie legten bald ihn in den Schragen,
Ein anderer nahm seinen Platz.
Wir sind im Frühling durch den Wald gegangen
Und sahen Hirsch und Reh.
Die Bäume blühten und die Vögel sangen,
Vierblättrig stand der Klee.
Ein jeder hat mir Treu in Ewigkeit geschworen,
War aber weit gefehlt.
Zu Amsterdam hab ich mein Ehr verloren,
Ich bin ein Mädchen ums Geld.
* * * * *
Die Schusterin
Es war einmal eines Schusters Frau
Ein wunderschönes Weib,
Die liebte die feinen Herren
Zum schönsten Zeitvertreib.
Maß einem edlen Grafen
Der Schuster Schuhe an,
So stand sie dicht daneben
Und lächelte ihn an.
Im Garten steht eine Laube,
Es zwitschert die Nachtigall.
Dort traf sie nachts im Dunkeln
Die Kavaliere all.
Ihr Haar flog wild im Winde,
Der Mond verkroch sich sacht.
Sie liebte in ihrer Sünde
Sieben in einer Nacht.
Und als die Sonne aufging,
Der Schuster trat hervor,
Blaß wie der bleiche Vollmond
Und schwankend wie ein Rohr.
ªIch will meine Schande nicht sehen mehr
Und mein zerfallenes Haus ...´
Er hob den Schusterpfriemen
Und stach sich die Augen aus.
Die Schusterin fiel in Ohnmacht,
Und als sie lallend erwacht,
Da haben zwei schwarze Männer sie
Ins Irrenhaus gebracht.
(aus: Der Leierkastenmann, 1917)
Lange waren auch die Editoren der "Werke in acht Bänden" im Zweifel. Handelt es sich nun um eine der vielen Anthologien, die Kalbund herausgab? Handelt es sich um tatsächliche Straßenlieder, die er sammelte? Nach langen Recherchen kamen wir zu dem Ergebnis: Nein, dies sind ‘echte’ Klabundlieder, die den Ton der Straße nachahmen. |