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Christian von Zimmermann

KLABAUTERMANN UND VAGABUND:
Eine Einführung
Christian von Zimmermann

(Siehe den Downloadhinweis am Fussende des Textes!)

Er sei »der letzte freie Rhapsode, der Letzte aus dem alten Geschlecht dichtender Vaganten« gewesen und von seinem Werk werde »mehr übrigbleiben als von den meisten bändereichen Lyrikern seit Heinrich Heine«. Mit dieser Ehrung bedachte der Kritiker Carl v. Ossietzky in der Weltbühne den jung verstorbenen Schriftsteller Klabund. Doch in den fünfundsiebzig Jahren seit seinem frühen Tod war den Versuchen einer Wiederentdeckung zunächst kein Erfolg beschieden. Als die Expressionisten ihre Renaissance erlebten, blieb der einst populäre Anverwandte unbedacht, als die politischen Zeitgenossen neu gelesen wurden, war der undogmatische und politisch richtungslose Dichter ebenfalls nicht gefragt. Klabund war nie ein vergessener Autor, aber die Breite seiner literarischen Tätigkeit war lange Zeit kaum bekannt.

Marcel Reich-Ranicki nannte ihn – vielleicht mit Bedauern – vierzig Jahre nach Klabunds Tod »nur noch eine literarhistorische Erscheinung«. Inzwischen kann Klabund allerdings neu entdeckt werden, denn er wird in der ganzen Breite seines Schreibens wieder zugänglich gemacht: Im kleinen Heidelberger Elfenbein-Verlag liegt eine achtbändige Lese- und Studienedition der Werke Klabunds nach dem Text der Erstdrucke vor.

»In Breslau«, so schreibt der Schriftsteller Hans Sahl, der in jener Stadt studierte, in seinen Memoiren eines Moralisten, »lernte ich […] den Dichter Klabund kennen, der mit der Schauspielerin Carola Neher zusammenlebte. Er trug eine große Brille, hatte einen kurzgeschorenen Schädel, einen runden Kopf und das Aussehen eines schüchternen Studenten, der mehr wusste, als er von sich gab. Er war lungenkrank und wurde oft von Hustenanfällen geschüttelt; er war wie Brecht ein deutscher Bänkelsänger. Aber was ihn von Brecht unterschied, war seine Bescheidenheit, er war zuvorkommend und höflich im Gespräch mit anderen, während Brecht oft schroff war und abweisend. Er machte nie viel von sich her, obwohl er dazu allen Grund gehabt hätte. Ich liebte seine Chansons, seine originellen Kurzromane, die im Grunde lange Gedichte in Prosa waren oder lyrische Essays. […] Klabund war ein Tonfall, ein Lautenlied, gesungen in einer sternklaren Nacht von einem Sterbenden, dessen Tage gezählt waren.«

Als Hans Sahl Klabund 1924 in Breslau kennenlernte, war der 33jährige Dichter ein erfolgreicher, aber bettelarmer Begleiter an der Seite der aufstrebenden bekannten Schauspielerin Carola Neher, die in Breslau neben Therese Giese und Peter Lorre engagiert war und vom Sprungbrett zur großen Karriere träumte. »Schulden wie Heu, Stroh im Kopf, und nur ein brennendes Herz«, so schildert Klabund seine Situation dem Dichterfreund und Förderer Walther Heinrich Unus. Er kannte Carola Neher gerade ein halbes Jahr und war ihr nahezu bedingungslos nach Breslau gefolgt. Bald darauf heiratete das Paar. Es war die zweite Ehe Klabunds, und sie verlief in turbulenten Bahnen. Vom leidenschaftlichen Streiten der Eheleute wissen die Zeitgenossen stets neue Anekdoten zu berichten. Die Ehe war von kurzer Dauer. Der zum Tode an Tuberkulose erkrankte Dichter starb im August 1928 in Davos in den Armen seiner Frau, die von eben jenem, Hans Sahl so unsympathischen, Brecht täglich bedrängt wurde, ihren Mann in Davos zurückzulassen und an die Berliner Karriere zu denken: Es ging um die Rolle der Polly in Brechts Dreigroschenoper.

Klabund, der mit bürgerlichem Namen wie sein Vater Alfred Henschke hieß, wurde am 4. November 1890 in der kleinen Stadt Crossen geboren, unweit von Frankfurt an der Oder, dort, wo Oder und Bober zusammenfließen. Alfred Henschke war ein munterer Schüler, der schon bald an das Gymnasium in Frankfurt wechselte, wo er mit Stephan Benn, einem Bruder des Arztdichters, die Schulbank drückte. Literarische Versuche gab es – wie es sich für einen ordentlichen Berufenen der Dichtkunst gehört – schon zu Schülerzeiten. Nach der Reifeprüfung, die er als Jahrgangsbester absolvierte, begab er sich nach München, wo er im Jahr 1909 ein Studium der Germanistik aufnahm. Er lebte in Schwabing – wie sein Vorbild Frank Wedekind, dem er nacheiferte. Noch strebte er das Lehramt und eine Promotion an, aber immer stärker wuchs der Wunsch, Dichter zu werden. Aus Berlin, wo er sich im Winter 1910/11 für ein Semester zum Studium aufhielt, konnte er dem Ratgeber Walther Heinrich bereits stolz melden, er habe »597 Gedichte, 29 Novellen, 13 Einakter, 1 Roman, 1 Aphorismensammlung, dazu Fragmente und Materialsammlungen« geschrieben.

An der Universität München suchte Alfred Henschke jun. den Kontakt zu Arthur Kutscher, der eine außerordentliche Professur für Literatur- und Theaterwissenschaft innehatte, mit Wedekind befreundet war und um sich Literaten und Studenten versammelte. In seinem Kreis verkehrten auch Richard Huelsenbeck oder Johannes R. Becher. Der angehende Literat Alfred Henschke verstand es, sich in Szene zu setzen. Als Bettler verkleidet läutete er zum Weihnachtsfest 1911 an der Tür des berühmten Erzählers und Dramatikers Max Halbe, der die traurige, ihm unbekannte Gestalt vor seiner Tür an den Familientisch lud. Schon im nächsten Jahr war er am Festabend offizieller Gast im Haus des angesehenen Autors. Im Roman eines jungen Mannes, den Alfred Henschke in dieser Zeit zu schreiben begann, hat er dieses Ereignis verarbeitet.

Der aufstrebende Dichter, der sich in atemlose Produktivität stürzte, gehörte auch zum Stammpersonal der Künstlerkneipe »Simplicissimus« – wie auch Emmy Hennings und Becher. In einem anderen bereits damals berühmten Literatentreff, dem »Café Stephanie«, traf er sich mit Erich Mühsam. Schon bald erhielt er Gelegenheit, eigene Texte in Zeitschriften wie die »Neue Rundschau« oder »Der Brenner« zu publizieren. Ein erster Prosaband erschien im Verlag der Crossener Zeitung (Celestina. Alt-Crossener Geschichten, 1912). Auch Alfred Kerr interessierte sich nun für den jüngeren Poeten. Klabund – wie er sich jetzt nannte – wurde in Kerrs Zeitschrift »Pan «gedruckt. Im ganzen Jahrgang 1913 konnten seine Gedichte gelesen werden; am 21. Februar begann der Abdruck mit dem Vers: »Es hat ein Gott mich ausgekotzt […].« Im prüden Vorkriegsdeutschland machten solche Gedichte Furore.

Leser der Zeitschrift »Pan« protestierten bei dem Herausgeber Alfred Kerr. Der »Pan« druckte wiederum Gedichte, nun mit dem Zusatz »grade« von Klabund, und als sich der Protest zuspitzte druckte man »jetzt erst recht« Klabund. Herausgeber und Dichter wurden schließlich verklagt. – Klabund zog sich zunächst krank nach Arosa zurück; Kerr wurde freigesprochen. Vor Gericht trat Richard Dehmel als Zeuge zugunsten der Beklagten auf. Max Halbe, Frank Wedekind u. a. nahmen gutachterlich Stellung. Bis zum Januar 1915 zog sich das gesamte Verfahren hin. Klabund wurde schließlich zu einer geringen Geldstrafe verurteilt. – Das Ganze war eine enorme Werbung für den jungen Autor, für den sich die Verlage zu interessieren begannen. Als zugleich sein Band »Morgenrot! Klabund! Die Tage dämmer«n (1913) erschien, war sein Name in München in aller Munde.

Den ersten Erfolgen auf literarischem Gebiet standen die immer ernsteren Anzeichen seiner Erkrankung gegenüber. Schon als Schüler hatte er sich nach einer Lungenentzündung in Locarno und später im Riesengebirge kurieren lassen müssen: ohne dauerhaften Erfolg. Im März 1912 hatte er schließlich Gewissheit erhalten: Tuberkulose. Beide Lungenhälften waren befallen, die damals übliche Rippenresektion war also nicht mehr möglich. Klabund schrieb unter diesen Eindrücken seinen ersten heiter-düsteren Roman eines jungen Mannes – zu früh, denn von der grotesken Lebensgeschichte Josua Tribolicks, der in München studiert, an Tuberkulose erkrankt und nach einer erschöpfenden Fieberjagd vereinsamt stirbt, konnte er noch keinen Verleger überzeugen.

»Klabunds Leben stand unter dem Zeichen der Krankheit und des Wortes.« So schrieb der Jugendfreund Rudolf Kayser in einem rückblickenden Essay. Von Klabund kann kaum gesprochen werden, ohne von seiner Krankheit zu sprechen. Der Dichter lebte das Leben auf dem Zauberberg fast so, wie es Thomas Mann beschrieben hat. Immer wieder zog er sich – von der Krankheit gezwungen – nach Davos zurück. Auch in einigen seiner Werke wird die Welt der Kranken reflektiert. Weder den frühen zwischen trivialer Erotik und düsterer Krankenwelt schwankenden Roman eines jungen Mannes noch die Kurzromane Franziskus oder Spuk wird man in die Hand nehmen, ohne an die Lebensgeschichte des Autors zu denken. Schon bei seinem ersten Davos-Aufenthalt 1916 hatte Klabund die Davoser Erzählung Die Krankheit geschrieben, in welcher die überdrehte Atmosphäre des Kurortes – nicht ohne Bezug zu seinem realen Personal – karikiert wird. Klabunds Buch provozierte: Max Hermann-Neiße etwa notierte nach der Lektüre empört, die Erzählung stelle eine »unglaubliche Profanation des Leidens« dar. Für ihn war Klabunds Werk eine ethische wie literarische »Verfallserscheinung«, die der leichten Muse nachhängt: »Gewissen, Verantwortungsgefühl, Verpflichtung zu Not und Marter, Ethik bleiben Deklamationsvokabeln aus fremden Lagern, zu schwerwiegend für die Falterhaftigkeit der Gauklerexistenz.«

Es ist die Atmosphäre des Kurortes Davos, in welcher Klabund seine erste Frau Brunhilde Heberle 1916 kennenlernte, die er in Gedichten als »Irene« besungen hat. Mit Irene verlebte Klabund glückliche Tage in Davos und Klabund, ca 1918 in Locarno, in Nachbarschaft zu Hermann Hesse, der dem jungen Dichter mehr als einmal über finanzielle Sorgen hinweghalf. Für das Paar war es eine Zeit der Hoffnung, in der es die gemeinsame Krankheit verdrängen konnte. Die selbst kindliche, viel zu zarte Irene wollte ein Kind von ihrem »Fred«.

Auch literarisch war es eine erfreuliche Zeit für Fred Klabund, denn er war nun als Autor etabliert. Die Kurorterzählung Die Krankheit war im Jahr 1917 erschienen und bereits die zehnte eigene Buchpublikation des jungen Autors. Klabund hatte schon zahlreiche Gedicht- und Liederbücher veröffentlicht sowie den kurzen »Roman eines Soldaten«, Moreau (1916), den der damals kriegsbegeisterte Kranke, der nicht selbst ins Feld ziehen durfte, schon 1915 verfasst hatte.

Klabund hatte wie viele seiner Generation den Krieg euphorisch begrüßt. Mit eigenen Soldatenliedern und mit freien Nachdichtungen chinesischer Kriegsgedichte hatte der Dichter zu Kriegsbeginn die Freiwilligen unterstützen wollen. Sein Lied der Kriegsfreiwilligen wurde auf Feldpostkarten gedruckt und in zwei Melodien unter den Soldaten gesungen.

Je länger der Krieg anhielt, desto stärker kühlte der Fanatismus ab. Schließlich wich die Begeisterung der Ernüchterung, und der nun pazifistische Klabund forderte in einem am 3. Juni 1917 gedruckten offenen Brief aus der Schweiz den Kaiser zum Abdanken auf. Die geliebte Irene war ihm zum Symbol seines eigenen Wandels geworden. Im November und Dezember 1916 hatte er die Verse Irene oder Die Gesinnung. Ein Gesang geschrieben; in ihnen vermischt sich der Name der Geliebten mit seiner griechischen Bedeutung im Sinne von Frieden und Eintracht.

Das Kriegsende versank für Klabund jedoch in der privaten Trauer. Er hatte Irene 1918 in Locarno geheiratet, das Kind wurde am 17. Oktober zu früh geboren. Irene – allzu schwach von der auszehrenden Krankheit – starb kaum zwei Wochen nach der Geburt. Das Kind folgte ihr nur wenige Monate später. »Ich war dein Tod. Ich habe dich gemordet«, dichtete Klabund in seiner Totenklage. Er plagte sich mit Selbstvorwürfen, die als dunkle Schatten auch noch in späteren Texten wiederkehren.

Dennoch gingen die turbulenten Nachkriegstage nicht spurlos an dem trauernden Dichter vorüber, und Klabund geriet in die politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Als ihn 1919 ein anonymes Telegramm in Passau erreichte, der einige Jahre ältere, bewunderte Dichter und Bekannte aus Münchener Tagen, Erich Mühsam, sei in Haft und bedürfe seiner Hilfe, brach er sofort auf. Er wurde noch auf dem Weg selbst verhaftet, da man ihn fälschlich für einen Gesandten der Münchener Räterepublik hielt. Die Tage vom 17. bis 21. April 1919 verbrachte Klabund in Schutzhaft, dann klärte sich das Missverständnis auf. Nach der Haftentlassung kehrte er in die Schweiz zurück. Im Juni nahm Klabund von dort doch einmal Stellung. In einem Telegramm an die bayerische Regierung Hoffmann in Bamberg schreibt er am 7. Juni 1919 anlässlich der Vollstreckung des Todesurteils gegen das Mitglied der Räterepublik München Eugen Leviné: "keiner partei zugehörig protestierte ich aus gründen der gerechtigkeit und menschlichkeit empoert gegen die hinrichtung lewines"

Politische Fragen haben Klabund trotz dieser Episode wohl nie dauerhaft und selten ernstlich berührt. Auch 1919 hielt er sich bewusst auf Distanz: "Ich bin, wie Sie wissen, Taoist, und mich trennt eine Welt vom Gedanken des Klassenkampfes, des Terrors und der Diktatur. Ich glaube nicht an eine sozialistische Welt, sondern nur an eine sozialistische Wirtschaftsanschauung. Wenn auch meine ganze Sympathie den revolutionären Arbeitern gehört, so bin ich doch Revolutionär der Seele oder glaube es wenigstens zu sein."

Klabund lag eher die Rolle seines Romanhelden Bracke, der als brandenburgischer Eulenspiegel im 16. Jahrhundert dem Kurfürsten den Spiegel unter die Nase hält, um ihm seine Unmenschlichkeit vorzuführen, der vor allem jedoch ein von aller Konvention und allen bürgerlichen Moralbegriffen befreiter arger Schalk ist. Klabund, so eine seiner Selbstdeutungen zum angenommenen Dichternamen, sei eine Wortschöpfung aus Klabautermann und Vagabund. In seinem Roman Bracke, der in diesem Sinne auch Klabund heißen könnte, ist mitunter eine historische Selbstinszenierung des Autors gesehen worden. »Klabund möchte sein, was dieser Bracke ist«, so lautete bereits das Urteil des Literaturhistorikers Albert Soergel (1925).

Die Figur des Bracke in seinem bekanntesten und zu Lebzeiten erfolgreichsten Roman, den er zwischen 1916 und 1918 verfasste, steht in der Tradition der literarischen Eulenspiegel-Figuren. Klabund verbindet in diesem Text bekannte Till-Eulenspiegel-Episoden, die er etwa bei Hans Sachs fand, mit einigen Erzählungen über den märkischen Eulenspiegel Hans Clawert. Wie im historischen Vorbild, dem er manches entlehnt, schreibt auch Klabund einen Roman in kurzen Episoden, die locker verkettet werden. Nicht in epischer Breite, sondern in anekdotischer Kürze folgt Klabund seinem Bracke durch ein abenteuerliches Narrenleben zwischen Lug und Trug, Narretei und Weisheit. Zehn Jahre blieben Klabund nach dem Abschluss des Bracke – zehn Jahre einer überbordenden literarischen Tätigkeit. Gedichte, Erzählungen, Schwänke, Dramen, daneben immer wieder Nachdichtungen und Bearbeitungen sowie zahlreiche Editionen und Anthologien. In diesen zehn Jahren entstanden neben anderen Werke wie seine Romane Pjotr, Spuk, Borgia, Rasputin, seine nach chinesischem bzw. japanischem Vorbild geschriebenen Dramen Der Kreidekreis und Das Kirschblütenfest sowie eine unüberschaubare Zahl vielfältigster Gedichte und Kurzprosatexte. Klabunds Schriftstellerei kannte keine Grenzen der Tätigkeitsfelder. ›Klabund‹, so eine andere Selbstinterpretation seines aufgelesenen Künstlernamens, »das heißt Wandlung« Seine Fähigkeit, unterschiedlichste Stoffe zu verarbeiten, unterschiedlichste Stile zu pflegen, sich auch einmal unter fremdem Gewand als Geisha O-Sen, als Hafis oder als Volksmund zu gerieren, wird von den Zeitgenossen bewundert, aber auch bespöttelt.

Der selbst als politisches und literarisches Chamäleon bezeichnete Dichterkollege Franz Blei gab in seinem Bestiarium literaricum (1920), einem ›Brehms Tierleben der Schriftstellerwelt‹, Klabund die Gestalt eines bunten Käfers, der an sich schon recht farbig sei, aber überall, wo er etwas Farbiges finde, sich darin wälze und ein wenig Farbe mitnehme. Das ist harmloser, als sich mit fremden Federn zu schmücken, aber wohl schon ein Vorwurf.

Rudolf Kayser nannte ihn in seinem rückblickenden Essay einen Tänzer, der berauscht von Duft und Farben durch den japanischen Garten der Literatur eilt, »nicht als Botaniker, nicht als Forscher, vielleicht nicht einmal als ein großer Kenner; aber als ein junger Mensch, der nur hier zu leben vermag […]«. Klabund lebte immer auch im Hier-und-Jetzt: Liebschaften gaben sich die Klinke, lange Reisen besonders nach Italien wurden unternommen, und das Nachtleben Berlins zehrte an seiner Gesundheit. Immer wieder mussten Gönner und Freunde dem Dichter unter die Arme greifen, da er die Kosten seiner Krankheit kaum zu tragen vermochte. Als er über Silvester 1920/21 einen Blutsturz erlitt, ermöglichte der Funktechnikpionier Graf Georg v. Arco einen Sanatoriumsaufenthalt. Ihm und seiner Frau widmete Klabund die kurze Erzählung Der letzte Kaiser (1923). Ein anderes Mal half die Kabarettistin Trude Hesterberg. Und auch ein Freund aus Münchener Tagen, der Düsseldorfer Industrielle Wilhelm Buller, stand ihm immer wieder zur Seite. In seinem Haus in Speldorf verfasste Klabund im November 1922 den faszinierenden mythisch-albtraumhaften Roman um den russischen Zaren Pjotr. Als er eines Abends im Frühjahr 1923 krank und einigermaßen abgebrannt in einer Berliner Theaterkneipe saß, setzte sich die Schauspielerin Elisabeth Bergner zu ihm. Sie erzählte Klabund von einem chinesischen Stück, das sie mit Aussicht auf einen Aufführungsvertrag ihm zur Bearbeitung empfahl. Sie selbst wollte die Hauptrolle übernehmen. Ende des Jahres war Der Kreidekreis abgeschlossen, aber die berühmte Schauspielerin hatte neue Pläne und konnte die Rolle der Haitang nicht spielen. In Frankfurt am Main interessierte man sich jedoch für das neue Stück. Klabund konnte mit einem Vorschuss des Schauspielhauses nach Davos reisen, wo seine auf den Kehlkopf übergegangene Tuberkulose behandelt werden sollte.

Am 2. und 3. Januar 1925 erfolgte schließlich die Uraufführung seines bekanntesten Dramas zugleich in Frankfurt, Meißen und Hannover. Schon im Oktober stand dann doch die Bergner als Haitang unter Max Reinhardt in Berlin auf der Bühne – … und der vormals abgebrannte Dichter zog in Berlin als Gast des Hauses ins »Adlon«. In der Rolle der Haitang brillierte in Breslau bald darauf auch die zweite Frau des Dichters, Carola Neher.

Im Sommer 1924 hatte er die bildschöne, bekannte, umworbene, neun Jahre jüngere Schauspielerin in einer Münchener Trambahn kennengelernt. Sie faszinierte ihn so, dass er ihr ohne Bedenken nach Breslau folgte. Sie heirateten am 5. Mai 1925 und durchlebten das Hoch und Tief eines ungleichen Paars. Carola stand an der Schwelle zum großen Erfolg und eilte von Engagement zu Engagement. Arthur Schnitzler urteilte über sie 1926: »sehr begabt, – sehr schillernd, spricht vortrefflich, wäre die beste Erna«. Die illustren Eheleute führten zudem ein öffentliches Leben, das in Journalen mit Aufmerksamkeit verfolgt wurde: Der kranke Dichter und die Theaterschönheit: »Das Gesicht der Carola Neher wirft um, ihr Auge, das Auge einer trunkenen Seele, erzeugt Massenräusche im Zuschauerraum«, schrieb Stefan Grossmann im November 1926 im Journal »Die Dame«. Doch Öffentlichkeit und private Realität klafften immer stärker auseinander. Klabund musste immer deutlicher erkennen, dass jede Hoffnung auf Heilung vergebens war; seine Krankheit war in ihre ansteckendste Phase getreten. Im Gespräch mit Grossmann bekannte Klabund: »Gewiss möchte ich immer um sie sein, aber ich wohne nicht mit ihr, seitdem ich so krank bin. Diese Esel lesen meine Liebesgedichte und können sich nicht vorstellen, daß ich es für ein Verbrechen halte, ihren Mund zu berühren.« Klabund bedichtete Carola Neher als Silberfüchsin und als Vogel »Kukuli«; er widmete ihr u. a. das Lesebuch (1926), die Gedichte der Harfenjule (1927) und das Drama XYZ (1928). Tatsächlich lebte der kranke Ehemann und Verehrer überwiegend in Davos, während die erfolgreiche Schauspielerin in Wien und Berlin Triumphe feierte. Klabund litt unter den ständigen Trennungen, aber sein Gesundheitszustand wurde immer bedenklicher. Im Winter 1927/28 musste eine notwendige Davos-Reise verschoben werden; Klabund war zu krank. Schließlich fuhr er im Januar für zwei Monate nach Davos, kehrte zurück nach Berlin, musste aber wieder nach Davos abreisen. Carola Neher begleitete ihn nach Zürich, um von dort die Reise in den Süden fortzusetzen. Klabund entschied sich im letzten Moment, mit ihr gemeinsam zu fahren. Am Ende der Tage in Brioni traf er von einer Lungenentzündung geschwächt in Davos ein. Carola Neher ging nach Berlin: zu Proben für die Rolle der Polly in der Dreigroschenoper. Klabunds Zustand verschlechterte sich rapide: Eine Hirnhautentzündung schloss sich an; er ließ Frau und Eltern nach Davos rufen. Carola Neher wachte an seinem Bett, als der Dichter Klabund am Morgen des 14. August 1928 um halb fünf Uhr im Alter von 37 Jahren starb. In seiner Heimatstadt Crossen wurde die Urne des Dichters beigesetzt. Gottfried Benn hielt die Totenrede.

Carl v. Ossietzky, Alfred Kerr und Klaus Mann gehörten zu den zahlreichen Nachrufautoren, die sich fast sämtlich über eines sicher waren: Der Name Klabund und das vielseitige, umfangreiche Werk des Frühverstorbenen würden in der Literaturgeschichte Bestand haben. – Über den katastrophalen historischen Entwicklungen der folgenden Jahre in Deutschland ist es jedoch fast vergessen worden. Dennoch zeugen Aufführungen seiner Stücke, Neuauflagen seiner bekanntesten Werke, Liebhabereditionen und Lesungen von einem zunächst anhaltenden Interesse. Und das Urteil Reich-Ranickis über Klabunds Romane im Jahr 1968? »Klabunds historische Romane gleichen inzwischen erloschenen Vulkanen, wo einst Feuer brannten, findet sich nur noch Asche.«25 Allein Borgia und Bracke bestehen vor dem strengen Auge des bundesrepublikanischen Literaturkritikers, der sich fragt, was heute, 1968, noch von Klabunds Erzählprosa lesbar sei. Auch bei der Lyrik befällt ihn trotz »Anerkennung und Respekt« ein »leises Unbehagen«.26 Klabund hat die leichte Muse mehr geliebt als die ernste. Er schrieb auch, um zu gefallen. Seine Gedichte gehören teils auf die Brettlbühne, seine Dramen sind großenteils leichte Komödien, einige seiner Erzählungen sind nicht mehr als heitere oder frivole Augenblickseinfälle und seine historischen Romane haben nichts von der epischen Breite und nichts vom historischen Ernst, mit dem sich mancher Zeitgenosse trug. Mancher Kritiker war schon zu Klabunds Lebzeiten irritiert und konstatierte, wegen der Krankheit habe sich das Talent Klabunds »nur in Bruchstückartigem« zeigen können.

Die Tendenz zum Episodischen wie zum Unterhaltenden zeigt besonders auch sein Roman Borgia, der letzte vor seinem Tod abgeschlossene, aber erst postum publizierte Prosatext. Der Autor nahm auf dem Krankenbett in Davos noch selbst die Korrekturen der Druckfahnen vor. In diesem Roman greift Klabund einen populären Stoff aus der italienischen Renaissance auf, den er Jacob Burckhardts großem kulturhistorischem ›Versuch‹ über Die Cultur der Renaissance in Italien (1860) entlehnte. Klabund strafft den historischen Stoff – bedeutend genug für eine um fangreiche Familiensaga – wie in anderen Prosatexten durch episodische Zuspitzung. Breite Beschreibungen der Charaktere werden durch sprechende Situationen und anekdotische Begebenheiten ersetzt. Klabund geht allusiv und eigenwillig mit dem teilweise recht bekannten Personal seines Romans und den historischen Kontexten um. Stets ist der Wille spürbar, literarisch zu unterhalten und zu gefallen. Die erotische Ausstrahlung der Lucrezia Borgia versteht er ebenso wirkungsvoll darzustellen wie die abgründige Grausamkeit ihres Bruders. Klabunds Bücher werben nicht um historische Wahrheiten und wollen nicht belehren: Sie werben um Leser, und sie gewinnen ihre Ausstrahlung aus der Phantasie und dem Erleben ihres Autors, der ebenso belesen in der literarischen Tradition ist, wie er virtuos mit dem stilistischen Handwerkszeug umzugehen weiß. Das verschafft seinen Werken einen eigenen, sehr sympathischen Charme, der seine Anziehungskraft nicht verloren hat. Fremder erscheint Klabund in seinen um Verständnis und Adaption des Taoismus bemühten Texten; immerhin sind sie Zeugnisse einer Generation, eines Teils einer Generation, den Hermann Hesse einmal als den Zukunftweisendsten in Deutschland bezeichnet hat. Wie viele Autoren haben nicht nach den katastrophalen Ereignissen des Krieges und nachdem die ‘westliche Rationalität’ der Vorkriegsgesellschaft fragwürdig geworden war, nach einer Vermittlung zwischen ‘östlicher’ und ‘westlicher’ Weltanschauung gestrebt? Ebenso wie die tagespolitischen Äußerungen – von den Kriegsgedichten über die Bekenntnisse 1917/18 zu manchen publizistischen Äußerungen der späteren Jahre – verdienen diese Texte erneutes Interesse. Nicht zuletzt vermögen auch die düsteren Seiten seiner Werke den Leser in den Bann zu ziehen. Die zwischen Tag und Nacht, zwischen Irrsinn und Wirklichkeit ewig wandernden Traumgestalten seiner Kurzromane Pjotr und Rasputin etwa, die zugleich Märtyrer und Tyrannen sind, werden von Klabund ohne jeden Moralismus in fesselnden Kurzszenen geschildert, die zu einer atemlosen Lektüre verführen. Pjotr ist Wohltäter und Mörder, Liebender und Betrügender in einer Person – ein mit allen mythischen Zeichen ausgestatteter Antichrist, der sein Volk unbarmherzig in eine Apokalypse treibt, die er zunächst für heilsam hält, aber als nutzlos erkennen muss. Dabei setzt Klabund die erzählerischen Mittel und das mythische Material, die Motive und Stoffe der Legende, des Märchens oder der Anekdote, selbst biblischer Texte ein: So wird bereits am Anfang des Romans Pjotrs Geburt in apokalyptischer Szenerie mit Anspielungen auf Jungfrauengeburt und halbwölfische Herkunft geschildert.

Das Thema des fiktionalbiographischen Romans Rasputin, der erst postum veröffentlicht wurde, ist die Gestalt des Legenden umwobenen russischen Bauern Grigori Jefimowitsch Rasputin, der zum Berater der Zarin und zum angeblichen Wortgeber des Zaren aufstieg. Im Roman verknüpft Klabund in aller erzählerischen Freiheit die Geschichte von Jussows Rasputinmord mit der Erzählung von dessen Liebe zu Jussows Braut Irina sowie mit zahlreichen Szenen, die das ausschweifende Leben Rasputins in grellen Farben malen. Klabund schildert das selbstherrliche Treiben des Scheinheiligen, dessen Gesichtszüge am Ende des Romans mit den Zügen Lenins verschmelzen, in einer sparsam gesetzten Sprache, die an ein Filmdrehbuch erinnert und der Phantasie der Lesenden Raum lässt. Als der »Kurbel-Roman« Rasputin erschien, jubelte der Rezensent Lutz Weltmann: »Der Film, der so lange bei der Literatur Anleihen gemacht hat, zahlt seine Schulden wieder ab. Der Roman wird zum Film-Manuskript, der Satz zum Bildstreifen, der Absatz zur Szene.« Tatsächlich war der Text zunächst für Metro Goldwyn Mayer konzipiert.

Pjotr und Rasputin, Bracke und Franziskus, der Ich-Erzähler aus dem Roman eines jungen Mannes teilen eines mit Klabund, wie er sich als Dichter gerne selbst in Szene setzte: Sie alle sind Klabautermänner und Vagabunden, gehören einer eigentümlichen Vagantengesellschaft an, die der bürgerlichen Moral auf der Nase tanzt. Nicht selten scheinen sich Literatur und Biografie in den Texten zu vermischen, aber die biografische ›Wirklichkeit‹ – Krankheit und Krieg, die Gerüchte um die Schwangerschaft einer flüchtigen Bekanntschaft oder der Tod Irenes – kehrt als phantastischer Albtraum oder als Gaukelspiel in die Werke ein, in Bildern »strotzend von Lebensgier, schwelgend in Blutgeruch, Farbenpracht, Körperlust«.29 Klaus Mann hat Recht, wenn er in seinem Nachruf über Klabunds Harfenjule schreibt, die depressiven Bilder und die Bitterkeit der Verse wirkten nur deshalb nicht wie Phantasmagorien eines Lebenspessimisten, weil dahinter die Liebe aufscheine: die Liebe, das Augenzwinkern und der schöne Rausch. – Man darf ergänzen: Bilderrausch, düstere Phantasiewelten und Leidenschaftlichkeit werden in Klabunds Texten eingefangen durch einen zurückhaltend-rationalen Einsatz der Stilmittel, virtuosen Gebrauch der poetischen Register, durch ein sprachliches Detailgeschick und eine mühelose Schlichtheit, die voluminösen Pomp und Kitsch meidet. So gelingt es Klabund, groteskeste Szenerien in seinen Romanen prägnant und wirkungsvoll zu gestalten oder sein tiefstes Leiden am Leben in einen schlichten Volksliedton zu bannen. – Düsteres, Sinnendes, Heiteres und auch Leichtfertiges verbinden sich in Klabunds vielgesichtigem, überreichem Werk eines kurzen Lebens, das zur (Wieder)Entdeckung einlädt.

(Der vorstehende Essay entstand im Kontext zweier Klabund-Ausstellungen, die in Lübeck und Davos sowie später in Berlin realisiert wurden. Ausführlicher informiert das mit zahlreichen Literaturhinweisen und Anmerkungen versehene Nachwort zur Klabund-Edition "Werke in acht Bänden" über den Autor. Der Text steht hier als PDF-Datei zum Download zur Verfügung >