Ich wache davon auf, daß ich husten muß.
Ich horche in die leere Nacht hinein.
Ich huste wieder. Es ist mir qualvoll, diese sanfte Stille zerstören zu müssen. Sie lag, wie ein glatter, stummer Teich, und nun kommt jemand und wirft dicke Feldsteine hinein, daß das beleidigte Wasser zischend und klatschend aufspritzt.
Ich huste.
Plötzlich höre ich, daß auch im Nebenzimmer jemand hustet.
Ich bin froh, daß auch ein anderer Mensch nachts husten muß.
Ich huste fragend.
Er hustet Antwort.
Und nun beginnen wir, Konversation zu husten.
Ehen – ehen – hu – hu, huste ich. Das bedeutet ungefähr:
Schöne Nacht, heute.
Cha – cha – rom – rom, antwortet er. Und das heißt: Na, es geht. Ich könnte mir eine schönere denken.
So gibt ein Rachenlaut den anderen, und wir unterhalten uns ganz angeregt.
Endlich verstummt er.
Ich huste noch einmal fragend.
Er gibt keine Antwort mehr.
Er ist eingeschlafen.
Ich steig aus dem Bett, trete zur Balkontür und schlage den Vorhang zurück.
Draußen ist die Nacht ganz hell. Der Mond hat die weiten Schneeflächen grünlichweiß angepinselt. Die Landschaft sieht aus wie ein irisierender riesiger Roquefort.
Aber in den grünen Strahlen beginnt schon ein leiser violetter Schimmer aufzublinken.
Der Morgen kann nicht mehr allzu fern sein.
Der Morgen. Morgen.
Mich schaudert’s. Von dem Gedanken an morgen und dem Morgen und in meinem dünnen Pyjama.
Ich krieche ins Bett zurück und schließe die Augen.
Ich will nicht sehen, wie es Tag wird. Wie wieder ein neuer Tag wird.
Ich will schlafen – schlafen – bis mittags um 12 mindestens.
Dann ist der halbe Tag schon herum und gefaßter
läßt sich dem Nachmittag, dem freundlicheren, ins sonnige Antlitz sehen.
Dann lieg ich bis vier in der Sonne. Dann geh ich ins Café.
Schickele wird dasitzen und blaß, ich werde mich zu ihm setzen, und wir werden, wie die andern Sterblichen auch, fachsimpeln.
»Zahlt Ihnen das ›Berliner Tageblatt‹ auch so wenig für ein Feuilleton?« werde ich fragen.
Denn Schriftsteller sind immer unzufrieden: mit Gott, derWelt, sich selbst, den anderen Schriftstellern, den Zeitungsredaktionen,
dem Honorar und der Dichterakademie.
(aus: Berliner Tageblatt, 17. Februar 1928) |